Proklamation des Jahrhunderts der Parasiten 18.5.2001

Proklamation in der Volksbühne
Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Sozialhilfeempfängers in dritter Generation.

Ja zum Glück scheinen sich inzwischen die Sozialhilfeempfänger zu vermehren. Denn nur Menschen, die bereit sind, nicht mehr zu produzieren, sondern nur zu konsumieren, können noch für gesellschaftlichen Fortschritt sorgen. Deshalb verkünden wir hier und heute:

Das Jahrhundert der Parasiten

Was - der Parasiten? Der sog. "Schädlinge des Volkskörpers"?
Wie kannst du nur diesen Begriff verwenden, der den Nazis zum Vorwand ihres Gaskammermordens gedient hat?

Na eben, das zeigt, wie unter der Naziperspektive Menschen zu Parasiten erklärt, nur als Objekte des Exterminismus, also der Vernichtung, gesehen wurden.

Wir hingegen proklamieren:
So wie die Produktivität sich entwickelt hat, ist nur noch durch Konsumenten, die keine Tauschwerte mehr herstellen, zu gewährleisten, das der dramatisch angeschwollene Kapitalkörper, dieses Monster an toter Arbeit, das sonst sich, und uns alle mit, an seiner eigenen Schwerkraft erschlägt, noch überleben kann.

Wenn das 19te Jahrhundert das der Bürger war, das 20te das der Arbeiterbewegung, so ist das 21te Jahrhundert das der Parasiten.

Der Parasiten, weil nur die Konsumption eines zunehmenden und unproduktiven Teils der Gesellschaft die Produktions-Sehnsüchte des arbeitsgeilen anderen Teils der Gesellschaft noch befriedigen kann. Selbstverständlich geht es um eine Demokratisierung des Parasitären, also um Menschen mit geringem Einkommen, die sich durchfüttern lassen, die Reichen hatten damit schließlich noch nie Probleme.

Deshalb ist die Abschaffung des 25 Bundessozialhilfegesetz, des Zwangsarbeitsparagraphen, der mit Strafarbeit die Arbeitsbereitschaft erpressen soll, nur der erste Schritt, eine erste Verwirklichung des Rechts auf Faulheit, das in den nächsten Schritten komfortabel ausgestattet werden wird.

Warum bist du so zuversichtlich, den Titel dieses Jahrhunderts heute schon proklamieren zu können?

Weil der Kanzler Schröder, der Genosse der Bosse, guten Grund zum Panikruf hat, es gäbe "kein Recht auf Faulheit". Tatsächlich gibt es immer mehr Menschen, die bereit sind, nicht mehr arbeiten zu wollen und die per Beschwörung neu geschaffenen Arbeitsplätze zu den offerierten Bedingungen ablehnen!

Und darin müssen wir sie jetzt bestärken, sie sind die Avantgarde, die die Gesellschaft und ihre Produktionsverhältnisse in die Zukunft transformieren.

Wie das? Du spinnt wohl,
mögen manche wie eine rückblickende Frau Lot sagen:

Weil die Avantgarde der Parasiten die Befreiung von der Angst befördert, die der an seiner toten Arbeit sich selbst erschlagende Kapitalkörper verbreitet. Solche Horrorvisionen produziert er z.B. schon: Bio- und Gentechnik zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen für beinahe jeden Geldbeutel. Glaubt etwa eine einzige Person hier im Raum, die würden nicht genutzt werden, es könne ein Gleichgewicht des Schreckens auf zwischenmenschlicher Ebene geben? Im Zustand steigender Angst würde sich nur derjenige noch einen Sieg ausmalen, der zuerst zum Massenmörder wird.

Dagegen steht das Programm der Entängstigung durch die Parasiten, durch glückliche Arbeitslose. So wird miese Arbeit nur noch gegen Spitzenlöhne geleistet, die Arbeit wird von der Quälerei befreit, denn immer vertreibt der Stachel des Rechts auf Faulheit, die Angst ohne Überlebensmittel sitzen zu bleiben.

So wird der gesellschaftliche Kriegszustand erstmals beendet, wenn endlich den Parasiten das bedingungslose Recht auf Faulheit zugestanden wird und sich damit die Gesellschaft zivilisiert.

Kannst du deine Argumentation mal klarer formulieren?

Es sind drei Argumente, die für das Jahrhundert der Parasiten sprechen:

a) das moralische Argument b) das ökonomische Argument bei entsprechender Interessenlage c) das emotionale bzw. emanzipatorische Argument.

A das moralische Argument:

Das Existenzrecht des Menschen, unabhängig von seinem Beitrag zum gesellschaftlichen Reichtum muß verwirklicht sein. Erst dadurch, daß das auch für die anerkannt wird, die aus welchen Gründen auch immer, nicht dazu beitragen wollen, beginnt leben lassen ohne vernichtende Hintergedanken. Die Grundlage für moralisches Handeln und zivilisierten Umgang wird erst durch das Recht auf Faulheit eingelöst.

B das ökonomische Argument

Wenn die Lohn und Gehaltsabhängigen, in marxistischer Terminologie die Arbeiterklasse, feststellen können, daß staatlich geregelt weniger die Arbeitslosigkeit, stattdessen die Arbeit subventioniert wird, dann ist offensichtlich eine Ideologie der Arbeitsverherrlichung am Werke, die heißt: Es wird ein Teil der erarbeiteten Werte nur dafür verwendet, daß mehr gearbeitet wird.

Dagegen muß die Arbeiterklasse ein Interesse daran haben, durch Verknappung der angebotenen Arbeitskraft am Markt den Preis der Ware Arbeit zu steigern. Deshalb ist das Bündnis mit den Arbeitsunwilligen, ja die Transferleistung an sie, im unmittelbaren ökonomischen Interesse der Arbeiterklasse. Nur so läßt sich der Reallohn steigern und zwar inklusive steigender Sozialabgabenanteile für die arbeitsunwilligen Parasiten.

Dieses ökonomische Argument ist selbstverständlich klassengebunden an die Interessen der Lohn- und Gehaltsabhängigen, Lohn- und Gehaltsabhängige sowohl als Eingestellte als auch Freigestellte.

C das emotionale bzw. emanzipatorische Argument:

"Wenn wir verdienen wollen, geliebt zu werden, anstatt anzuwidern, wenn wir herbeigesehnt werden wollen, müssen wir auf die Frage der Macht und ihrer Ausübung antworten. Wir müssen eine Ausübung der Macht erfinden, die nicht Angst macht. Das wäre das Neue."

sagt Michel Foucault 1979

Ein würdiges Einkommen ohne arbeiten wollen zu müssen, ist die Voraussetzung dafür, Angst existentiell zu überwinden, die Angst, daß man wertlos und dem Verhungern preisgegeben sei, wenn man beim Arbeitsreigen, aus welchen Gründen auch immer, nicht mitmacht.

Damit werden die Grundlagen geschaffen, daß Macht nicht mehr auf Angst und dem Bedienen von Ressentiments beruht, das Strafregime untergeht.

Es wird die Bedingung geschaffen, daß eigene Lebensentwürfe und Selbstbestimmung, also Emanzipation, sich verwirklichen kann.

So is es.

Proklamiert am 18.5.2001 in der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz, Berlin


Podiumsdiskussion: "Recht auf Faulheit"
in der Volksbühne am 20. Mai 2001

(als PDF hier herunterladen)

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